Skip to content

Meerjungfrau

Vor vielen Jahren habe ich sie zum ersten Mal gehört. Eine Stimme, ein Flüstern, mehr noch ein Gesang. Sie umgarnte mich, spielte mit meinem Verstand, mit meinem Sein. Malte mir Sehnsüchte in den Kopf, in mein Herz. Dinge, von denen ich nicht wusste, dass ich sie jemals wollte. Ihre leisen, verträumten Worte ließen mich im Glauben, dass alles, was sie sagte meine Gedanken und sehnsüchtigsten Wünsche waren. Sie war in meinem Kopf, in meinem Herzen, in meinem Handeln. Irgendwann war sie ich. Sie übernahm mein Leben und riss mich in die Dunkelheit, in das kalte Wasser. Die gähnende Leere verschluckte mich. Um mich herum war so viel und im gleichen Moment nichts. Die anderen Menschen, mein Leben sah ich verschwommen, weit weg. Ich glitt immer tiefer in das kalte Etwas, sank immer weiter hinein. Ab und zu konnte ich meine Augen öffnen, hatte Kraft etwas gegen anzukämpfen, doch mit der Zeit wurde ich schwächer und schwächer. Und irgendwann gab ich es auf gegen den Sog, gegen ihren Gesang und ihrem festen Griff anzukämpfen, der mich weiter in das endlose Dunkle zog. Ich gab mich auf. Ich wollte und konnte einfach nicht mehr.

Vielleicht langweilte ich sie, denn nach einigen Jahren lockerte sie ihren Griff und ich trieb wieder nach oben. Das Gefühl auf zu steigen verunsicherte mich. Es war neu und unbekannt und ich hatte Angst davor. Zum ersten Mal seit einiger Zeit nahm ich verschwommen die Sonne wahr. Sie erwärmte meine Haut, die mit unzähligen Eiskristallen versehen war. Kleine Spuren von der endlosen, kalten Tiefe. Ich hörte wieder Vögel singen und sah, wie Menschen lächelnd auf mich zu kamen. Sie boten mir Hilfe an, zogen mich aus dem Wasser und gaben mir das, was ich brauchte. Eine wärmende Umarmung und das leuchten in ihren Augen, während sie von ihren Liebsten sprach. Oh, wie ich es auch wollte, jemanden zu haben, der mich liebte.

Ich gab mich dem wunderschöne Leben hin, traf viele Menschen und erlebte unzählige Momente. Ich lernte jemanden kennen, der mich küsste, umarmte und nie wieder los lies. Ich lernte Spaß zu haben, die kleinen Dinge im Leben zu genießen. Und dann in einer stürmischen Nacht hörte ich ihre Stimme wieder. Sie rief nach mir. Eine alte Bekannte, so weit weg und doch so nah. Ich wollte nicht nach ihr sehen, wollte nicht wieder auf ihre Lügen hereinfallen und doch lies ich es zu, dass sie mir meine Haare hinters Ohr strich, ihre eiskalten Lippen auf meine legte und mir Minute für Minute das Leben entzog.

Sie ließ mich los und glitt ein paar Zentimeter von mir weg. Nun konnte ich sie in voller Pracht betrachten. Ich hatte sie noch nie so gesehen. Wunderschöne, lange Haare, leicht gewellt, liegend auf ihrer perfekten grün schimmernden Haut, die mit kleinen, glitzernden Schuppen versehen war. Dort wo ihre Augen sein sollten waren tiefe schwarze Risse. Ihre Lippen waren dünn und ich konnte in ihrem Mund lange, gelbe Reißzähne sehen. Sie hatte keine Beine. Unter ihrem Bauch befand sich ein gigantischer Fischschwanz, der im Licht der Straßenlaternen, die von draußen hinein schienen grün-blau schimmerte.

Sie sagte nichts, doch ich hörte ihre Worte in meinem Kopf, ihre leise, säuselnde Stimme, wie damals. Sie fing an ihre Mundwinkel nach oben zu ziehen und entblößte ihre scharfen Zähne, die wie Zinnsoldaten in einer Reihe standen. Sie waren spitz und glänzend und jeder normale Mensch wäre schreiend davon gerannt oder starr vor Schreck, doch ich bewunderte ihre anmutige Figur und lies die vertrauten Worte in meinem Kopf hin und her pendeln. Ich hatte keine Angst mehr vor ihr, sondern sah das, was sie wirklich war. Sie war eine Meerjungfrau. Ein bösartiges Meerwesen, eine, die dich verführt mit dem Wissen dich in die Tiefe zu ziehen und dich umzubringen.

Ich hörte wie du dich im Bett aufsetztest, die Bettdecke von deinen leicht muskulösen Beinen warfst und aufstandest. Gleich kamst du ins Badezimmer und würdest mich sehen, wie ich auf der Badewanne sitze vor der Meerjungfrau, die immer noch lächelnd vor mir stand und mich mit ihren fehlenden Augen anstarrte. Du öffnetest die Tür, erschrakst dich bei meinem Anblick, sahst mich fragend an und gingst auf mich zu. Du warst nun knapp zehn Zentimeter von der Meerjungfrau entfernt, gleich würdest du ihre glitschige Haut berühren. Doch plötzlich griffst du durch ihren Körper hindurch. Du fingst an über meine Haare zu streicheln, hinunter zu meiner Stirn, meiner Wange und meinen Lippen, die von dem Kuss der Meerjungfrau leicht salzig schmeckten.

Das war ein komischer Anblick. Die Meerjungfrau stand immer noch vor mir und deine Hand ging einfach durch sie hindurch, so als wäre sie gar nicht da. Und dann verstand ich es. Sie war nicht da. Sie war niemals da. Sie war Teil meiner Gedanken, ein Geschöpf aus meinem Kopf, ein Wesen, welches sich in meine Gedanken eingeschlichen hatte. Sie war die Verkörperung meiner Depression.

Entschied ich mich für deine helfende Hand oder lauschte ich, wie zuvor auch ihren Worten und lies mich in den Abgrund ziehen? Und so komisch es klingen mag fiel mir die Entscheidung schwer. Sie war mir so vertraut, immer für mich da, säuselte mir Dinge ins Ohr, die mich im Glauben ließen, dass du irgendwann nicht mehr da wärst und das du jetzt nur da bist, weil du mich ausnutzt. Sie machte dich schlecht und fast fiel ich auf sie herein.

Ich schloss die Augen und wählte dich, nahm deine Hand in meine und küsste sie, stand auf, umarmte dich und ging mit dir Hand in Hand wieder ins Bett, mit dem Wissen jetzt für diesen Moment gewonnen zu haben. Doch, was ist mit Morgen oder in einer Woche? Wirst du da sein und werde ich es irgendwann aus eigener Kraft schaffen sie endgültig zu besiegen? Fragen, auf die es im Moment keine Antworten gibt.

„Schlaf ein, ich liebe Dich“ sagtest du, gabst mir einen Kuss und kuscheltest dich an mich an. Dein warmer Körper schmiegte sich an meinen und ich schlief schneller ein als üblich.

(Originalbild von Jordan Whitfield)

One Comment

  1. Was für ein unglaublich schöner Text! Man kann einfach unglaublich gut mit dir mitfühlen und am Anfang dachte ich sogar, das auf dem Bild bist du ;)
    Liebst, Katja
    http://www.amoureuxee.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen